
Warum Ad-libitum-Fütterung eines der meistdiskutierten Themen ist
,,Gib deinem Pferd Heu zur freien Verfügung, dann sind alle Probleme gelöst.“
Wenn es so einfach wäre, hätte halb Deutschland keine übergewichtigen Pferde, keine EMS-Diagnosen und sicher auch weniger Kotwasser, Magengeschwüre oder Stressverhalten.
Trotzdem ist der Grundgedanke richtig:
👉 Pferde sind Dauerfresser.
👉 Ihr Verdauungssystem braucht ständige Faserzufuhr.
👉 Ein leerer Magen bedeutet Stress, körperlich und psychisch.
Doch ad libitum heißt nicht automatisch gesund.
In diesem Artikel klären wir:
- Was ad libitum wirklich bedeutet
- Welche körperlichen Voraussetzungen ein Pferd dafür braucht
- Warum manche Pferde damit gesund werden und andere krank
- Welche Mythen über freie Heufütterung sich hartnäckig halten
- Wie du erkennst, ob es für DEIN Pferd geeignet ist
- Wie du ad-libitum richtig aufbaust, steuerst und kontrollierst
- Wann es besser ist, rationiert (aber nicht restriktiv!) zu füttern
Und am Ende bekommst du meine klare Empfehlung, basierend auf meiner täglichen Arbeit mit Pferden, die Verdauungs- und Stoffwechselprobleme haben.
Was bedeutet Ad-libitum-Fütterung eigentlich?
„Ad libitum“ (lateinisch: nach Belieben) heißt:
👉 Dein Pferd hat stetigen Zugang zu Raufutter.
👉 Es entscheidet, wann, wie oft und wie lange es frisst.
👉 Du steuerst nicht aktiv über Mahlzeiten oder Portionen.
Wichtig zu verstehen:
🔍 Ad libitum bedeutet NICHT übermäßig viel fressen.
Sondern: Das Pferd kann, aber muss nicht.
Die Idee dahinter stammt aus der Natur:
- Pferde fressen 14–18 Stunden täglich
- in kleinen Mengen
- mit langer Kauzeit
- und natürlicher Bewegung dazwischen
Unser Heu ist aber nicht Natur.
Heu 2025 ist:
- energiereicher
- eiweißreicher
- strukturärmer
- schneller verdaulich
- oft zucker- oder fruktanlastig
→ Weswegen „Freier Zugang“ heutzutage anders wirkt als früher.
Die Vorteile der Ad-libitum-Fütterung
Ad-libitum kann Wunder wirken, wenn die Rahmenbedingungen passen.
2.1 Stabile Verdauung & ruhiger Darm
Ein gefüllter Magen verhindert Magensäure-Überschuss & Reizungen.
✔ weniger Magengeschwüre
✔ weniger Stress
✔ weniger Koliken
✔ stabilere Kotkonsistenz
2.2 Gesunde Darmflora
Ein stetiger Fluss an Fasern unterstützt:
- bakterielle Balance
- ruhige Mikrobiota
- bessere Nährstoffverwertung
2.3 Weniger Stressfuttern
Rationierte Fütterung verursacht oft:
- Schlingen
- Bunkern
- aggressive Rangkämpfe
- Fressstress
Mit Heu zur freien Verfügung verschwinden diese Verhaltensweisen oft vollständig.
2.4 Psyche & Nervensystem profitieren
Ein Dauerfresser mit Pausen ist ein ruhigeres Pferd.
👉 Mehr Gelassenheit
👉 Weniger Nervosität
👉 Weniger stereotype Verhaltensweisen
2.5 Naturnaher Fütterungsrhythmus
Ad-libitum kommt der natürlichen Ernährung am nächsten.
Die Risiken der Ad-libitum-Fütterung
Ad libitum ist nicht für jedes Pferd gesund.
Hier beginnt die Debatte und sie ist berechtigt.
3.1 Übergewicht
Viele Pferde in Deutschland sind:
- genetisch leichtfuttrig
- unterbewegt
- stoffwechselbelastet
Für sie bedeutet Heu zur freien Verfügung:
👉 zu viel Energie
👉 zu viel Zucker
→ Gewichtszunahme → EMS/IR → Rehe-Risiko
3.2 Stoffwechselerkrankungen
Bei EMS, IR, PSSM, Cushing kann falsches/ad-libitum Heu gefährlich werden.
Nicht das Ad-libitum ist das Problem, sondern das Heu.
3.3 Heuqualität ist entscheidend
Zucker- und Energiegehalt moderner Heue sind oft viel zu hoch:
- 8–13 MJ Energie
- 12–18 % Zucker
- schlechter Schnittzeitpunkt
- hohe Mykotoxinbelastung
- zu wenig Struktur
Ad libitum bedeutet dann:
👉 „freie Überversorgung“ – nicht natürlicher Rhythmus.
3.4 Bewegungsmangel macht es schlimmer
Ein Pferd, das 23 Stunden steht, kann keine 24/7-Fütterung kompensieren.
Für welche Pferde ist Ad-libitum ideal?
✔ Untergewichtige Pferde
Sie brauchen kontinuierliche Energiezufuhr.
✔ Stresspferde / Magensensible Pferde
Magenschoner Nr. 1 ist Heu, nicht ein Zusatzmittel.
✔ Junge Pferde / Sportpferde
Höherer Energiebedarf
✔ Pferde mit Darmproblemen
Stabile Darmtaktung = bessere Verdauung.
✔ Robustpferde, wenn das Heu passt
Mit zuckerarmem, strukturreichem Heu: Ja.
Mit Energiebomben-Heu: Nein.
Für welche Pferde ist Ad-libitum NICHT sinnvoll?
❌ EMS-Pferde
Nur, wenn Heu streng <10 % Zucker + strukturiert ist.
❌ Insulinresistente Pferde
Hohe Zuckerwerte = gefährlich.
❌ PSSM1-Pferde
Ad-libitum Heu ja – aber nur EXTREM zuckerarm.
❌ Pferde mit Adipositas
Hier steigt das Risiko stärker als der Nutzen –
wenn das Heu nicht passt.
Die Wahrheit: Ad-libitum steht und fällt mit dem Heu
Das ist der entscheidende Punkt:
👉 Ad-libitum funktioniert nur mit dafür geeignetem Heu.
Was ist geeignetes Heu?
- Zucker < 10 %
- Fruktan niedrig
- Struktur hoch
- Ligninanteil ausreichend
- wenig Eiweiß (je nach Typ)
- keine Mykotoxine
- staubarm
- spätes Wachstum
Das Problem in Deutschland:
👉 Dieses Heu ist selten.
👉 Und teuer.
👉 Und nicht jeder Stall hat Kontrolle darüber.
Wie du Ad-libitum richtig einführst (Schritt für Schritt)
Schritt 1: Heu analysieren lassen
Ohne Analyse = blind füttern.
Werte u. a.:
- Zucker
- Stärke
- Energie (MJ)
- Rohfaser
- Eiweiß
- Mineralien
- NDF/ADF
Schritt 2: Menge schrittweise erhöhen
Von z. B. 2× täglich Heu → 3× → 4× → 24/7.
Von 6 kg auf 7 kg auf 8 kg usw.
Schritt 3: Engmaschige Netze nutzen
Nicht um zu drosseln, sondern um:
- Kauzeit zu verlängern
- Verzehr zu verlangsamen
- Darmtaktung zu stabilisieren
Schritt 4: Bewegung sicherstellen
Mindestens 8–10 km täglich
(auch im Offenstall möglich).
Schritt 5: Beobachte Körper & Verhalten
Achte auf:
- BCS (Body Condition Score)
- Rippen tastbar?
- Bauchumfang
- Energie
- Kotform
- Stressverhalten
Häufige Mythen über Ad-libitum-Fütterung
Mythos 1: „Mit Heu zur freien Verfügung nehmen Pferde automatisch ab.“
Fehlannahme.
Viele nehmen zu.
Mythos 2: „Pferde hören auf zu fressen, wenn sie satt sind.“
Nur Pferde mit stabilem Metabolismus.
Mythos 3: „Mehr Heu = weniger Rehe-Risiko.“
Stimmt nur, wenn Zucker niedrig ist.
Mythos 4: „Ad libitum = kein Management nötig.“
Das Gegenteil ist der Fall.
Fazit: Ad-libitum ist ein Werkzeug
Ad-libitum ist weder gut noch schlecht.
Es ist eine Methode, die funktionieren kann oder schaden kann.
Erfolgreich wird sie nur, wenn:
- das Heu passt
- die Bewegung passt
- der Stoffwechsel stabil ist
- das Pferd nicht enorm leichtfuttrig ist
- die Darmflora gesund ist
- du die Ration verstehst
Die meisten Probleme entstehen nicht durch zu viel Heu, sondern durch falsches Heu, fehlendes System oder keine Analyse.
Wie ich dich dabei unterstützen kann
Wenn du wirklich verstehen willst:
- wie du Heu bewertest
- wie du Rationen strategisch aufbaust
- wie du dein Pferd ohne Diät gesund bekommst
- wie du Heu, Mineralien & Energie sinnvoll kombinierst
- wie du Symptome richtig interpretierst
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